Erntedank 2015, Vortrag von Generalvikar Johannes van Driel am Kirchentag, 10. Oktober 2015

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Vortrag von Generalvikar Johannes van Driel am Kirchentag, 10. Oktober 2015, in der alten Schule, Bonn/Muffendorf, Am Helpert 37.

Liebe Menschen,

habt Ihr Euch schon mal Gedanken darüber gemacht, dass die Apostel gar nicht vor hatten, eine neue Kirche zu gründen? Wie Ihr heute Morgen gehört habt, haben sie auch nachdem Jesus sie verlassen hatte, immer noch den Tempel besucht, und wahrscheinlich auch die Syna-goge.

Und auch wir feiern noch immer genau die gleichen Feste, wie Jesus und seine Jünger, auch wenn wir sie mittlerweile anders deuten. Die Apostel wollten Juden bleiben, wie sie es immer waren, aber mit dem Zusatz der esoterischen Weisheit, die Jesu sie gelehrt hatte.

Erst als Saulus von Tarsus auftauchte, der selber kein Jude war, begann die Kirche sich in eine vollkommen andere Richtung zu entwickeln. Es ist dann auch verständlich, dass viele Menschen behaupten, dass wir gar keine christliche Kirche sind, sondern eine paulinische.
Ob diese Entwicklung nun ein Vorteil oder Nachteil ist und war, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte aber nicht vergessen, wo unser Ursprung liegt.

Obwohl wir heute daran gewöhnt sind, dass das Kirchenjahr mit den Adventssonntagen anfängt, war das nicht immer so. Denn der erste rein christliche Feiertag, der also NICHT auf das Judentum zurück geht, war der 25. März. Das religiöse Jahr der Juden fing mit Pessach an. Bis dahin war auch in der christlichen Kirche Pessach oder besser gesagt: die Osternacht, also die Nacht vor Pessach, der Anfang des Kirchenjahres.

Die damaligen Bischöfe wollten die Verbindung mit der jüdischen Lehre lösen und brauchten dazu ein eigenes Fest. Vor allem wollte man weg vom jüdischen Mondkalender. Nun wird man fragen: Wieso der 25. März?
Nun, die Begründung dazu war, dass mit diesem Tag, der damals den Frühlings-Equinox (Tag- und Nachtglei-che) markierte, die Natur erwachte und das neue Leben anfing. Jesus war der Beginn eines neuen Lebens der Kirche. Und so war es recht und billig, dass angenommen wurde, Jesus sei von Maria an diesem Tag empfangen worden.
Erst viel später rechneten die Bischöfe neun Monate ab diesem Datum und kamen so auf den 24. Dezember als das Geburtsdatum Jesu.
Dabei machten die Herren aber einen Rechenfehler, denn die Schwangerschaft einer Frau dauert von der Empfängnis bis zur Geburt durchschnittlich 266 Tage, also 38 Wochen. Somit wäre der 14. Dezember als Datum das richtige gewesen. Aber das nur so nebenbei.

Nun ist es aber verwunderlich, dass wir in der christlichen Kirche zwei der jüdischen Pilgerfeste übernommen und eins ausgelassen haben. Die Pilgerfeste sind Pessach, Shawuot und Sukkot. Es sind diese drei Feste, zu denen fast ganz Israel sich aufmachte, um – wenn mög-lich – den Tempel zu besuchen, und falls dieser zu weit war, zurück zukehren zu dem Ort, wo man herstammte.

Es ist dann auch anzunehmen, dass die Römer, die bestimmt nicht dumm waren, eines dieser Feste auswählten, um in dieser Zeit die berühmte Steuerschätzung vorzunehmen. Leider hat Martin Luther viele Fehler in seiner Bibelübersetzung gemacht, und so findet man in vielen Bibeln immer noch den Begriff einer „Volkszählung“. Es wäre aber unlogisch, dass ein Stadthalter ein relativ kleines Volk, was ihm sowieso noch schlecht gesinnt war, versuchen würde zu zählen. Denken Sie mal zurück, wie das deutsche Volk sich im letzten Jahrhundert davor gedrückt hat, bei der Volkszählung mitzuwir-ken.

So ist es auch anzunehmen, dass Josef und Maria so-wieso vor hatten, nach Beth Lechem zu reisen, weil sie dort eines dieser Feste feiern wollten. Welches von den dreien wäre es dann gewesen?

Nun, leider lassen sich sogar die Pseudo-Apokryphen darüber nicht aus. Es gibt aber Hinweise darauf, dass es am ehesten am Sukkot war, und sie nicht nur dieses Fest feiern wollten, sondern auch die hohen Feiertage Rosch Hashanah (ein weiteres Neujahrsfest) und Jom Kippur (Versöhnungstag).
Wenn man bedenkt wie schwierig es schon ist, hier in Bonn ein Hotelzimmer zu bekommen an bestimmten Tagen kann man sich aber auch denken, weshalb es möglicherweise keine freien Zimmer – oder besser gesagt: Betten mehr in der Herberge gab, als Josef und Maria abends ankamen.

Aus der Zeit als ich noch in Eretz Yisrael lebte, kann ich auch mit gutem Gewissen behaupten: Es kann tatsächlich ganz schön schneien in Beth Lechem und es ist fast unvorstellbar, dass die Hirten auf dem Felde die Wache hielten, wenn die Geburt tatsächlich Ende Dezember stattgefunden haben sollte. Im Gegenteil, die Hirten würden mit den Schafen in die Ställe ziehen, und dort würde es keinen freien Platz zum schlafen geben.

Aber zunächst zurück zu den anderen Feiertagen: Vor Pessach wird Purim gefeiert, wo die Geschichte von Esther eine Rolle spielt. Allerdings noch wichtiger als diese Rolle ist die Verkleidung – vor allem der Kinder: Der Lärm und das Essen von Unmengen an Süßigkeiten. Kommt Ihnen das bekannt vor? Genau! Wir haben das übernommen als unser „Karneval“, auch wenn man im-mer wieder versucht, es umzudeuten in „Fleisch Adieu“.

Das zweite große Fest im Kalenderjahr ist – wie schon gesagt – Pessach. Eigentlich sollte man in Eile die Matzen essen. Aber im Laufe der Zeit hat die Feier am Ostervorabend sich ausgestaltet zur richtigen Familienfeier, wo man zwar keine Produkte mit Hefe oder Sauerteig essen darf. Aber auch ohne diese Mittel gibt es noch genug leckere Sachen. Also wird richtig geschlemmt. Dabei wird gesungen, getanzt und Geschichten gelesen. Kurzum also so, wie es bei vielen Familien heute am Os-tersonntag hergeht.

Nur haben wir als Christen die Betonung nicht mehr gelegt auf das, was ursprünglich gefeiert wurde, sondern wir haben nur den letzten Teil der Feier genommen – den Teil, wo Jesus den vierten Becher, den Becher der eigentlich für Elias bestimmt war, genommen hat und seine Jüngern aufgefordert hat, davon zu trinken.
Mit dieser Symbolik hat er deutlich gemacht, dass es keinen Sinn hatte noch länger auf die Wiederkunft Elias zu warten, weil dieser schon gegenwärtig war, und zwar in der Person Jesu.

Folgen wir dem Kalenderjahr weiter, kommen wir schon bald bei Shawuot oder Pfingsten an. Auch dieses Fest feiern wir immer noch in der Kirche, obwohl auch dort ein wichtiges Ereignis im Vordergrund steht, welches das jüdische Volk zwar erlebt hat, aber weiter nicht für wichtig hielt. Ich spreche hier von der Ausgießung des Heiligen Geistes.

Was entdecken wir aber bei der Beschreibung dieses Festes in der Apostelgeschichte?
Erstens: Die Jünger feierten zu dieser Zeit schon sowohl den Sabbat, als auch Yom Achad, also den Tag der Auferstehung Christi. De facto waren sie eigentlich die ersten Sozialisten, denn alle Völker und Religionen arbeiteten sechs Tage die Woche und hielten ihre heiligen Rituale an einem einzigen Tag. Die Jünger aber feierten sowohl am Samstag nach dem jüdischen Brauch, als auch am Sonntag nach dem neuen Brauch, wo sie die Auferstehung Christi am ersten Tag der Woche gedachten, zu-ammen das Brot brachen und die Becher leerten.
Die Jünger, die in Judäa wohnten, behielten diesen Brauch noch sehr lange bei.

Erst mit der Missionierung anderer Völker, und vor allem als Nicht-Juden sich bekehrten (wie z.B. Saulus von Tarsus), verschwand der Brauch, auch den Sabbat zu feiern.
Nun gibt es immer wieder Gruppierungen, die der Meinung sind, dass man die christlichen Riten am Samstag feiern muss, da in dem mosaischen Gesetz steht: Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebten Tag sollst du keine Arbeit verrichten. Ich denke aber, dass es klar ist, dass diese Gruppierungen nie gelesen haben, wie die Jünger es hielten.

Übrigens wissen die meisten Menschen schon gar nicht mehr, wann die Woche eigentlich anfängt. Viele denken, dass die Woche am Samstag anfängt, weil auch die Fernsehzeitungen immer von Samstag bis Montag ge-hen. Andere wissen zwar noch, was im Deuteronomium steht aber glauben deshalb, dass die Woche am Montag anfängt.
Und dann gibt es noch ein Fest, das erst nach Jesu entstanden ist, Chanukka. Dieses Fest fällt oft zusammen mit unserem Weihnachtsfest, und auch hier werden Kerzen entzündet, Spiele gespielt, Süßigkeiten gegessen und Geschenke verteilt. Kurzum: wenn man nicht religiös erzogen ist, könnte man fast meinen, dass hier das gleiche Ereignis gefeiert wird.

Wie Sie bemerken, hat die Kirche fast jedes jüdische Fest in ein christliches umgewandelt, in dem aber oft die gleichen Bräuche noch vorhanden sind. Ich weiß zwar, dass die meisten Historiker eher davon ausgehen, dass die Rituale aus den Bachanalen, Saturnalien usw. der Römer übernommen sind, aber trotzdem ist da eine auffällige Ähnlichkeit.

Um noch mal zurückzukommen auf meine Feststellung, dass Jesus nicht im Dezember zur Welt gekommen ist: Ist das nun wichtig, und sollten wir deshalb in der Liberal-Katholischen Kirche in Zukunft unser Weihnachtsfest in den Oktober verlegen, womöglich sogar noch ange-passt an die Bräuche der modernen Bachanalen, die Ok-toberfeste?

Selbstverständlich nicht. Aber es ist wichtig, einen Unterschied zu machen zwischen der historischen Wirklichkeit und der esoterischen Bedeutung. Das heutige Weihnachtsfest hat so viel Symbolik in sich aufgenommen aus den alten Jahresfesten, dass es sehr wohl als symbolische Deutung der Geburt des Lichtes in der Welt, das Kommen des Heilands auch und gerade in unserer Kirche einen Platz hat. Wir nennen uns vielmals eine esoterische, eine gnostische, ja manchmal sogar auch eine theosophische Kirche. Gerade deshalb ist Symbolik und Ritual bei uns vielleicht noch wichtiger als bei in anderen christlichen Gruppierungen.
Außerdem ist die Zeitrechnung bei den Engeln anders als bei uns – sagt doch die Bibel selbst: „1000 Jahre sind bei Gott wie ein Tag, und ein Tag ist wie 1000 Jahre“. Die Elementare und Engel richten sich also danach was wir glauben, was wir fühlen und nicht danach, was wann wirklich passiert ist.

Das heutige Datum ist schon so durchdrungen von den tiefsten Glaubenserlebnissen von Millionen von Menschen, ja die Gesamtzahl liegt bestimmt schon im Milliardenbereich nach zwanzig Jahrhunderten, dass die ganze Natur sich schon darauf eingestellt hat. Feiern Sie deshalb ruhig mit Inbrunst das Fest der Geburt Christi im Dezember.

Kommen wir aber zurück zu den Eckpunkten des Jahreskreises. Am 24. Dezember feiern wir Weihnachten (mit einer Vorbereitungszeit, Advent); um den 24. März herum feiern wir Ostern (ebenfalls mit einer Vorberei-tungszeit); dann haben wir am 24. Juni Johanni. Dieser Tag wird immer weniger von den Kirchen gefeiert. Dafür aber noch immer vom Volk, dass mit den Johannes-feuer eine alte Tradition am Leben hält.

Und dann? In September nichts? Doch! Gerade die Liberal-Katholischen Kirche stellt Michaeli immer mehr in den Vordergrund. Auch hier gibt es eine Vorbereitungszeit, die sog. „Kings Week“, welche in Wirklichkeit zehn Tage dauert. An jedem dieser Tage wird einer der Gruppierungen der höheren Wesen in den Mittelpunkt gerückt, und es wird meditiert, manchmal werden Rituale abgehalten, und vor allem ist diese Woche dazu gedacht, sich im Tanz auszudrücken.

Damit wird auch Jesus selbst, der der Herr der Engel ist, jeden Tag besonders in unserer Mitte sein. Nicht als das Kind, nicht als der Mensch, sondern als das, was er heute ist: der König da oben.
Und obwohl der Ritus in unserer Kirche eigentlich ziemlich festgemauert ist, hat es für diesen Tage nie ein festes Ritual gegeben. Damit wird auch zum Ausdruck gebracht, dass hier die jetzige Zeit, die Zeit unserer heutigen Entwicklung im Mittelpunkt steht. Nicht umsonst steht als vorletzter dieser Tagesreihe der Mensch als gefallener Engel oder als Wesen auf dem Entwicklungsweg zum Engel im Mittelpunkt.
(Vielleicht finden wir morgen Nachmittag noch Zeit für ein oder zwei Kreistänze).

Die Kirche hat aber trotzdem auch noch etwas von Sukkot, vom Laubhüttenfest übernommen und zwar, indem sie Erntedank feiert. Die römische Kirche feiert dieses Fest am ersten Sonntag im Oktober. Leider kollidiert dieses Datum dann oft mit den letzten Tagen der Kingsweek. Auch fällt dieses Datum dann in die Oktave von Sankt Michael (und allen Engeln), wodurch dieser Tag dann nicht gebührend gefeiert werden kann in der Liturgie.
Aus diesem Grund feiern wir, die Liberal-Katholischen Kirchen in Zentral-Europa, Erntedank eine Woche später. Das wäre also Morgen, aber diesmal müssen wir das zurückstellen, da Weihen einen höheren Status ha-ben.

Vielleicht lesen Sie aber einmal in der Bibel oder im Internet nach, wie die Juden ihr Fest feiern und womöglich finden Sie dort noch Anregungen, wie Sie in Zukunft Erntedank daheim feiern können.
Denn Erntedank ist nicht nur die Wahl einer Erntekönigin (übrigens habe ich noch niemals einen Erntekönig gesehen, Sie etwa?). Es ist auch mehr als nur ein Umzug mit schön geschmückten Wagen.

Ich kann mich noch gut an meine Jugend erinnern. Wir waren daheim calvinistisch und da gab es nicht nur ein Erntedank, sondern im Frühjahr gab es erst einen Tag des Gebets für Ernte und Arbeit. Und es hat mich immer beeindruckt, wie die Bauern, die normalerweise am Sonntag oft einschliefen in der Kirche während des Dienstes, an diesem Tag voller Inbrunst ihre Gebetspsalmen hoch steigen ließen. Und man sah ihnen an, wie sie sich bewusst waren, dass ohne Gottes Hilfe nichts möglich sei.

Und als dann die Ernte eingebracht war – also erst Ende Oktober, Anfang November – kamen alle wieder zu-sammen um Gott Dank zu sagen für Seinen Segen. Und ob die Ernte nun reichlich oder weniger gut ausgefallen war, daran dachte kein Mensch. Denn so wie es war, war es gut. Und dafür schallten dann die Lobgesänge, und man spürte wie der Druck, der seit Monaten ihr tägliches Leben bestimmt hatte, während dieser Zusammenkunft von ihnen wich. Und das, ja das ist für mich immer noch Erntedank: Gott zu danken und es so anzunehmen, wie er es für gut hält.

Liebe Menschen, ich hoffe, dass auch Ihr in Eurem Leben Zeit findet, Gott so zu danken und nichts in Frage zu stellen, was er für Euch bereitet hat. Ihr werdet sehen, dass das Leben so viel einfacher wird. Und Ihr werdet entdecken, welche Kraft sogar das einfachste Gebet zu geben vermag, wenn es mit Überzeugung gesprochen wird.

Aber behalten Sie dabei immer diese streng gläubigen calvinistischen Bauern und Handwerker im Sinn. Auch sie trugen ihre Nöte, ihre Anliegen vor den Thron unse-res Vaters. Und auch Sie dürfen Ihre Bitten vorbringen. Vergessen Sie aber NIE, danach Gott auch zu danken. Auch wenn Sie vielleicht nicht das bekommen haben, was Sie erwarteten. Den Gott ist gut und weiß was gut ist für uns.

Amen.