Christus sprach: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle Menschen zu mir emporziehen.“

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Homilie vom 14. Juni 2015
2. So nach Trinitatis [ Daniel Becker]

Evangelium nach Johannes
Kapitel 12, Vers 32ff

Christus sprach: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle Menschen zu mir emporziehen. Nur eine kurze Weile noch ist das Licht unter euch.“

Joshua oder Jesus von Nazareth ist ein Mensch absoluter Hellsichtigkeit. Er steht als Rabbi, als Lehrer im Licht der Erkenntnis. Und auf die Fragen, die ihm von den Menschen gestellt werden, antwortet er – aber nicht so, wie es von ihm erwartet wird, sondern so wie die Menschen es brauchen, um sich selbstständig weiterentwickeln zu können. Sie erhalten von ihm nicht Antworten, die ihre kommunikativen oder juristischen Fähigkeiten verbessern; sondern er schenkt ihnen Bildworte, die kraftvoll die Seele ansprechen.

Jesus, spricht in dieser Stelle des Johannesevangeliums von der Christuswesenheit. Er als Mensch trägt diesen Christus in sich. Und das Bild, was er verwendet, ist das Licht, das zu uns – in unsere Welt – gekommen ist.
Über Licht kann man nicht sofort ausschweifend disku-tieren oder sich theologisch die Köpfe einschlagen; sondern zunächst wirken unsere inneren Bilder und Gefühle, oder persönlichen Erinnerungen. zum Beispiel dieses:
Eine Sommernacht im Garten und irgendwo brennt ein Licht – eine Lampe; und um sie herum etliche kleine Le-bewesen, die sich bemühen, weiter ins Innere zu Wärme zu gelangen. Die Energie für den Leib und schützt dann vor der lähmenden Kälte in der Dunkelheit.

Hier dreht es sich also auch um ein Bild mit Licht als Hauptmotiv, und wir verstehen vielleicht jetzt noch et-was besser, was Jesus meint: Gott und Licht werden be-grifflich miteinander eng verbunden. Licht ist die Energie, nach der wir uns bewusst und auch unterbewusst – oder unbewusst – ausstrecken.
Der Mensch, der im Leben und am Leben forscht und dabei meistens durch die Dunkelheit des Verstandes und der Seele reisen muss um weiterzukommen – er oder sie wird immer Ausschau halten nach einer Helligkeit, nach einem erhellenden Ort.
„Wie das Licht die Motten anzieht“, zieht es den Geistesforscher in uns zu dieser Quelle hin. Und das treibt uns immer wieder an in unserer Suche.

In unserer physischen Welt begegnet uns das Licht in Form von Feuer, Kerzenlicht aber auch als Kunstlicht. Im Seelisch-Geistigen, vielleicht auch manchmal in der Meditation, erleben wir Licht aber nicht mit den Sinnen, sondern eher als Erkenntnis, als Befreiung, Leichtigkeit oder vielleicht sogar als Zeitlosigkeit. Jesus, der den Christus in sich trägt, ist also im übertragenen Sinne aus dem Bild diese Lampe, die uns zur Wärme im Innern führt. Er kann uns wach machen dafür, dass es in der seelischen und intellektuellen Nacht immer eine Lichtkraft gibt, die uns anzieht, und die Erinnerung an den licht-durchfluteten seelen-aufklärenden Tag lebendig hält.

Jesus trägt die Christuswesenheit seit seiner Taufe im Jordan in sich und mit sich zu den Menschen.
Im Himmelfahrtsereignis erlebt die Menschheit, wie sich der nun leibfreie Christus in den gesamten Kosmos ergießt und von diesem Moment an in allem lebt und wirkt – und alles durchwirkt bis ins kleinste Teilchen dieser Welt.

Er ist das Lichtwesen – er lebt in uns allen, und er kann uns in unserem Denken, Fühlen und Wollen erleuchten, wenn wir uns nicht im Intellekt verhärten und uns den Bewegungen der seelischen Welt nicht verschließen, „die Vorhänge zuziehen“ und der Dunkelheit den Vorrang geben. Das Göttliche lebt jetzt also in uns.

Das ist es, was Jesus mit dem Lichtbegriff beschreibt und uns lehren will, diese göttliche Energie zu verwenden und nutzbar zu machen. Kultivieren wir diese Kraft, werden wir immer mehr Göttliches in unserer Welt auffinden und können uns gegenseitig mit diesem Fund, mit diesem Schatz ernähren, stärken und erhellen. Wir können uns gegenseitig mit dieser Lichtkraft erleuchten. Wir können uns gegenseitig retten.
Durch den Christus in uns und allezeit mit uns sind wir, wenn wir es nur wollen, auch hellsichtig. Lichtsichtig.
Und dafür sei nun Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist alle Ehre, Macht und Herrlichkeit, Kraft und Herrschaft, Jetzt und in aller Ewigkeit.

Amen.